Das heißt Budl, net Theke


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PORTRÄT
"Das heißt Budl, net Theke"
Mit der TV-Krimiserie "Trautmann" hat Drehbuchautor Ernst Hinterberger eine Figur für "seine Leute" geschaffen, die so nah wie möglich an der Wirklichkeit sein soll.
Die Kriminalromane und Drehbücher von Ernst Hinterberger lesen sich stellenweise wie Niederschriften aus einem Polizeiakt. "Da bin ich fanatisch – wenn es um Wirklichkeitstreue geht", sagt Hinterberger. Jedes Detail muss stimmen. "Wenn da steht, der Streifenwagen fuhr zehn Minuten – dann ist das so. Das können Sie überprüfen. Weil das ergibt erst die Atmosphäre. Die Kleinigkeiten machen es aus."
"Ich beobachte und gebe das Milieu wieder, in dem ich lebe", erklärt Hinterberger. "Die Leser und Zuschauer im Fernsehen spüren das, ob da nur nachgeplappert wird, was andere erzählt haben oder ob das wirkliche Leben drinnensteckt. Am Reißbrett kann man einen Dampfer entwerfen – ein Krimi muss im Leben entstehen." In vielen Filmen beispielsweise werden Prostituierte verherrlicht. "In Wirklichkeit sind sie nicht die Gescheitesten oder es sind Geschleppte aus dem Osten – beide machen es wegen dem Geld und weil ihnen nichts anderes übrig bleibt."
Im Polizeiberuf sei echtes und ehrliches Auftreten so wichtig wie beim Krimischreiben die Schilderung von wirklich Erlebtem: "Ich erinnere mich an einen Einsatz im Wiener Stadion beim Match Österreich gegen Ungarn", schildert Hinterberger. Er war damals Probepolizist und bei einem seiner ersten Einsätze. "Nach einem ungerechten Foul-Pfiff des Schiedsrichters hat es Tumulte auf den Rängen gegeben.
Ein junger Rittmeister hat schon den Räumungsbefehl gegeben, da ist ein alter Kollege zu den Rädelsführern gegangen und hat gesagt: ‚Schaut’s her, wenn wir jetzt räumen, bekommt’s ihr eine aufs Haupt und wir eine aufs Haupt. Seid’s vernünftig und geht’s ham.‘ – Das hat mehr gewirkt als der Räumungsbefehl."
Ernst Hinterberger trat 1952 in die Polizeischule in Wien ein, auf den Rat eines JudoFreundes. Nach 21 Monaten musste er die Rossauer Kaserne verlassen, weil seine Sehkraft abgenommen hatte und er Brillen brauchte. Obwohl er zu den Jahrgangsbesten gehörte, war das ein Entlassungsgrund. "Dass der General und sein Stellvertreter Brillenträger waren, hat niemanden gestört", merkt Hinterberger an. Mit einigen seiner Ex-Kollegen blieb er in Verbindung – teilweise bis heute. Die Polizei blieb Hinterbergers "alte Liebe". Es schmerzt ihn, wenn sie in Filmen verrissen wird.
Noch kein TV-Kommissar hat es so eng an die Wirklichkeit herangeschafft wie der "Trautmann" – wenn er auch ab und zu nach eigener Gerechtigkeit handelt und nicht nach dem Strafgesetz. "Der Trautmann ist aus dem Volk", sagt Ernst Hinterberger. "Aus ihm sprechen seine Leute – die kleinen Leute."
Ursprünglich war der Trautmann als "Zerbrochener" konzipiert, der alles verloren hat. Mehr und mehr ist er zur Kämpfernatur geworden. Entstanden ist die Figur im "Kaisermühlenblues" Ende der neunziger Jahre. Angedeutet wird eine gescheiterte Beziehung, seine Tochter ist nach einem "goldenen Schuss" Heroin gestorben. Als Kriminalpolizist kämpft er gegen das
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2005

Böse und für seine soziale Schicht – und manchmal bringt er seine Vorgesetzten zur Weißglut, doch er sieht das gelassen: "I find die Welt a net immer richtig, so wie sie ist. Aber i schau hin und denk nach, bevor i selber was kaputt mach, was leben will."
An der Seite von Gitti Schimek (Marianne Mendt) ließ Trautmann die KaisermühlenbluesSeher immer tiefer in die Polizistenwelt Einsicht nehmen. Im Jahr 2000 stellte der ORF den Kaisermühlenblues ein und funktionierte Trautmann um in einen Krimihelden, obwohl nicht alle überzeugt waren vom Erfolg der Serie. "Die Redakteure haben gesagt, der Trautmann trägt keine neunzig Minuten", schildert Hinterberger. Er und Regisseur Harald Sicheritz bestanden auf das "Experiment" und behielten Recht.
Bisher wurden sieben Folgen ausgestrahlt, eine fertig gedreht, zwei weitere liegen als Drehbuch vor. Kürzlich erhielt Ernst Hinterberger den Auftrag, eine Zwischenfolge zu schreiben, in der das Vorleben des Kieberers Trautmann im Mittelpunkt stehen soll. Hinterberger ist kein Fan dieser Idee. "Da sollte immer was Mystisches mitschwingen, mit dem Trautmann", sagt er. Doch als Autor müsse sich Hinterberger oft den Wünschen anderer beugen.
"Manchmal hab ich gar keine Freude mit den Ansinnen der Regisseure und Redakteure", sagt Hinterberger. "Vor allem, wenn es um die Echtheit geht." Am Ende einer Folge etwa wurde Trautmann das Wort "Theke" in den Mund gelegt. "Das heißt bei mir Budl, und beim Trautmann auch", betont Hinterberger. "Der Trautmann würde nie ein Wort wie getötet sagen. Das heißt hamdraht oder g’mocht oder den Schädel weggeblasen."
Hinterberger ist überzeugt, mit Wolfgang Böck sei die optimale Besetzung des "Trautmann" geglückt. "Es gibt Fernsehkommissare, die haben einen Blick wie ein Bergdoktor oder ein Landpfarrer", sagt der Autor. "Der Böck hat den Kieberer drauf, so wie der Heinz Petters den alt gewordenen Galeristen Nazl-Onkel drauf hat, also den Kriminellen." Ausschlaggebend dafür seien die Augen. "Auf der Bühne sind weitschweifige Bewegungen wichtig. Im Film muss ein Schauspieler mit wenig Mimik sagen, was zu sagen ist."
Im Krimifach ist Ernst Hinterberger erst seit 1983. Als er "Otto Hotwagner" erfand. Mit Hotwagner habe Hinterberger "rein zufällig die Wirklichkeit getroffen", sagt er: "Der Fiala vom Sicherheitsbüro hat mich gefragt, woher ich den Huber kenne. Die Beschreibung hat gepasst, der Huber und der Hotwagner waren mehr breit als hoch, beide haben literweise Kaffee getrunken und sich eine Marlboro mit der anderen angezündet." Die Ähnlichkeit war Zufall.
Hinterberger ließ Otto Hotwagner nach 15 "Dienstjahren" an einem Gehirnschlag sterben und erfand als Nachfolger Abteilungsinspektor Trautmann – den Mann ohne Vornamen. Tatsächlich ohne Vornamen? "Einmal hab ich ihn in einem Buch beim Namen genannt. Im Film ist er noch nicht vorgekommen." Trautmann hält den Vornamen nicht ohne Grund geheim – er lautet: Polycarp...
Der "Polycarp"
"Ich habe schon immer eine Vorliebe für ausgefallene Vornamen gehabt: Onufrius, Apollinaris, Zeferin", schildert der Schriftsteller. Den "Polycarp" gab es wirklich: "So hat mein Boxtrainer geheißen. Polycarp Zwazl. Das war in den vierziger, fünfziger Jahren. Der war immer angefressen, wenn man ihn beim Vornamen genannt hat." Seinen Vornamen-Tick lebte Hinterberger auch aus, als er die Polizeischule besuchte. "Die anderen haben in den
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Übungsanzeigen vom Hansl, Alois und Peppi geschrieben, ich habe die Leute Onufrius oder Zeferin getauft."
Hinterberger schrieb während seiner Polizeizeit nicht nur Übungsanzeigen. Anfangs waren es Gedichte, später Geschichten. "Anderen fallen Noten ein, mir Geschichten." 1964 schrieb Hinterberger den Roman "Salz der Erde", der zehn Jahre später als TV-Serie verfilmt wurde und den Autor zu österreichweiter Bekanntheit verhalf: "Ein echter Wiener geht nicht unter" mit Karl Merkatz als "Edmund Sackbauer".
"Der Doderer, der Simmel und wie sie alle heißen, die haben immer nur über die besseren Leute geschrieben, nie über meine Leute, über die kleinen Leute", schildert Hinterberger, der mehrere Jahre lang als Hilfsarbeiter gearbeitet hat. Die letzten Jahre bis zu seiner Pensionierung 1991 war er Expedient in einer Fabrik. Erlernt hat er den Beruf des Elektrikers – wie Edmund Sackbauer. "Mir geht es in meinen Geschichten nicht um Gesellschaftskritik. Ich möchte Milieus beschreiben."
Wie Otto Hotwagner, Trautmann und der Nazl-Onkel war die Hauptfigur Mundl Sackbauer als "Zerbrochener" konzipiert. Im Buch zerbricht er am Ende. Die Fernsehserie verläuft anders – ein echter Wiener geht eben nicht unter.
"Die Leute, die in meinen Geschichten mitspielen, hat es fast alle gegeben", sagt Hinterberger. Etwa den 70-jährigen Catcher, der in Trautmann-Folge-9 seinen Lebensabend im Prater als Watschenmann verbringt. "Das war in Wirklichkeit der Frantisek Mrna, ein alter Boxer, der sich im Prater in einem Siedlungshaus erhängt hat", schildert Hinterberger.
"Sie haben ihm seinen WM-Gürtel ins Grab auf den Sarg gelegt." Oder der alternde Boxer aus einem Hotwagner-Roman, der den Besitzer eines Fitness-Clubs beim Joggen erschlägt: Er war in Wirklichkeit ein Profi-Fußballer bei Austria Wien. "Zum Schluss hat er die Leute im Prater um ein Achtel angeschnorrt", erinnert sich Hinterberger. Der ehemals gefeierte Tormann kam bei einem Brand in einer Prater-Hütte ums Leben.
"Der Prater hat mich seit meiner Kindheit fasziniert", erzählt der Wiener Autor. "Weniger die Ringelspiele und Schaubuden – mehr die Leute dahinter, die Hutschenschleuderer und Schausteller." Vor allem die außergewöhnlichen Dinge und die traurigen Figuren stehen im Mittelpunkt. "Wenn einer einen erschießt oder absticht, ist das nichts Außergewöhnliches. Das muss zum Beispiel wie beim Trautmann ein feiner Stich ins Gehirn sein, der durch Zufall bei der Obduktion entdeckt wird. Genau wie das Mordwerkzeug, ein "Stössel", von dem es nur mehr ein Exemplar gibt, und das liegt in einem Museum."
Trautmann stirbt aus
"Den einsamen Wolf, wie den Trautmann, gibt es in der Wirklichkeit kaum mehr – wenn überhaupt", sagt Ernst Hinterberger. Kriminalistische Arbeit sei auf viele Spezialisten angewiesen. "Auch den großen Verbrecherboss, wie den Nazl-Onkel gibt es nicht mehr. Er und Trautmann werden vermutlich mit mir sterben – oder vielleicht noch vor mir." Wenn es nach Ernst Hinterberger geht, ist es noch lange nicht so weit. "Ich würde den Trautmann gerne weiterschreiben."
Hinterberger hat wie Trautmann eine gewisse Öffentlichkeitsscheu. Den Professorentitel hat er dreimal abgelehnt. Auf diesbezügliche Angebote reagiert er knapp: "Gebt’s dem Krankl den Professor." Nur den "Ehren-Kriminalisten" in der Vereinigung Österreichischer
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Kriminalisten nahm er dankend an. Auf diese Weise ist er doch noch bei seiner "alten Liebe" gelandet, der Polizei. Gerhard Brenner
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